Der Mensch in seiner Jugend - neue Romane

An einem Ort, der Unterm Rad als Vorlage gedient hat, sollte man ein wenig sensibel für coming-of-age-Romane sein, jener Gattung also, die die Menschwerdung der Autoren in den Jahren ihrer Pubertät zum Gegenstand hat. Ganz allgemein ist ein großer Anteil der Literatur dieser Gattung verpflichtet, ist sie doch die Zeit, in der man die Welt und sich selbst entdeckt und die Grundlagen für das so verhasste, spätere Erwachsenen-Dasein legt.

In diesem Frühjahr sind gleich eine ganze Reihe solcher Romane erschienen. Liebevoll pflegt Alexander Gorkow in Die Kinder hören Pink Floyd die Erinnerung an die 70er Jahre mit vielen atmosphäischen Details. Durchaus speziell ist aber seine Idee, die Geisteswelt eines Jugendlichen in das Spannungsfeld zwischen kleinem Bruder und großer Schwester einzupassen. Durch die Augen des kleinen Bruders sieht man staunend dem Lebenshunger der herzkranken Schwester zu und lernt ganz en passant, worauf es im Leben eigentlich ankommt.

Ewald Arenz erzählt in Der große  Sommer die Geschichte von Frieder, der einen Sommer bei seinen Großeltern verlebt, dort nicht nur den bis dahin ein wenig gefürchteten Großvater schätzen lernt, sondern auch die ersten Gehversuche im wirklichen Leben macht und dabei allen großen Themen des Lebens begegnet: dem Vertrauen, der Liebe, der Arbeit und dem Tod. Arenz’ Sommer wird groß durch die Größe der Gefühle, die man in diesem Alter hat, und die einen so einzigartig machen. Stilistisch bleibt er eher einem einfachen Erlebnisbericht verpflichtet.

Sehr ähnlich lässt uns Benedict Wells in seinem neuesten Pageturner Hard Land am Leben von Sam in einem kleinen Ort in Missouri teilhaben. Was bei Arenz stilistisch fehlt, holt Wells süffig nach, auch wenn bei beiden die Zuspitzung überschaubar bleibt. Die großen Gefühle sind die Leitplanken, die das unter Hormonlast quietschende Gefüge namens Jugend auf Spur hält.

Big Sky county von Callan Wink schließlich geht ein wenig über den einen Sommer hinaus und lässt eine ganze Jugend Revue passieren, auch wenn ein Sommer die Angel bildet, um die sich das ganze Buch dreht. Die Unterschiede zwischen amerikanischer und europäischer Jugend sind oberflächlich, die familiären Unterschiede und der Druck der Peer group allerdings nicht. Der Zustand existentieller Verwahrlosung scheint jenseits des Atlantiks doch ein wenig dringlicher zu sein als hierzulande, auch wenn die Themen im Großen und Ganzen die gleichen sind.

Wenn man bedenkt, dass 2019 Blackbird von Matthias Brandt und Wie später ihre Kinder von Nicolas Mathieu oder 2020 von Bast Kast Das  Buch eines Sommers erschienen sind, und diese nur stellvertretend für viele Andere angeführt sind, dann kann man vielleicht erkennen, wie breit der Strom dieser Gattung der Literatur ist – auch 100 Jahre nach Hesses Unterm Rad und weit über 200 Jahre nach Anton Reiser.


Bibliographie
Tipp
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Die Kinder hören Pink Floyd
Alexander Gorkow
Die Kinder hören Pink Floyd
Roman
EAN: 978-3-462-05298-5
Alexander Gorkows autobiografischer Roman ist ein Wunderwerk der Poesie, das glänzende Portrait einer versunkenen Zeit, zugleich eine Hommage auf unsere Kindheit und die rätselhafte Kraft der Musik in einer Welt voller Risse - zwischen Gesunden und Kranken, Behinderten und angeblich Normalen, zwischen Armen und Reichen, zwischen Ordnung und Chaos. Die 70er Jahre. Eine Vorstadt. Das Westdeutschland der letzten Baulücken, der verstockten Altnazis, der 'ZDF Hitparade'. Das kleine Land weist gepflegte Gärten auf, die Kriegsgräuel sind beiseite geschoben, zum Essen geht es in den Balkan Grill, die Einbauküche daheim überzeugt durch optimale Raumnutzung. Für den 10-jährigen Jungen aber ist es eine Welt der Magie, der geheimen Kräfte, des Kampfs des Bösen gegen das Gute. Neben brutalen Mitschülern, prügelnden Pfarrern und zynischen Ärzten leben in seiner Phantasie überall weitere Monster: der furchterregende Sänger Heino, ein Mann namens Barzel in einer rätselhaften Stadt namens Bonn sowie die Wiedergänger der Templer aus 'Die Nacht der reitenden Leichen' im Dorfkino. Der gute Leitstern aber ist die umwerfende große Schwester - das Kind Nr. 1 der Familie. Sie ist herzkrank und sehr lebenshungrig. Mit trockenem Humor und großer Aufsässigkeit stemmt sie sich gegen alle Bedrohungen, nicht zuletzt mithilfe der vergötterten Band Pink Floyd aus dem fernen London, den Kämpfern gegen das Establishment, deren Songs alles zum Glänzen bringen. Unter Anleitung von Pink Floyd zieht die Schwester mit ihrem kleinen Bruder in den Kampf, um das Böse zu bannen, sein Stottern, seine Ängste. 

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