Zum Abtauchen

In welchen Raum rufe ich hier meine Meinung über den neuen Pullman? Ist es der holzgetäferte, von hohen Maßwerkfenstern begleitete Saal der Dark-Material-Fans (great!), oder der schmiedeeiserne Glaspalast der Steampunkanhänger (impressionante!), ist es der von spitzen Türmchen gesäumte Hof der Potterianer (hazardous!) oder die neoromantische young-adult-Fantasy-Gemeinde (nice!)? Die vielen Möglichkeiten zeigen den Reichtum des neuen Bandes der Dark-Material-Reihe von Philipp Pullman.

Philipp Pullman ist einer der Schreiberlinge, die aufs Ganze setzen, auf die Erschaffung der Welt durch die Literatur. Einen ganzen Kosmos aus Menschen, Dæmonen, Alethiometern und Dampfschiffen, fremden Ländern und Sitten entwirft der Autor, die überwiegend wie unsere Welt funktionieren und doch ganz aus Papier sind. Die große Saga um Lyra und den Menschen, die mit ihr und gegen sie kämpfen, handelt wie andere große Fantasy-Romane von – nun ja, so überraschend ist das nicht – vom Kampf für eine gerechte Welt. Das Zauberwort, das diese Welt ermöglicht ist die Fantasie.

Die Saga von Lyra Listenreich umfasst mittlerweile fünf Bände und ist in ihrer Entstehung ähnlich verworren wie Star wars. Eine Trilogie stand am Anfang, gefolgt von einem Prequel (Band 0: Über den wilden Fluss), in dem eine Vorgeschichte der Helding erzählt wird. Nun, im neuesten Band, ist Lyra siebzehn und reist Ans andere Ende der Welt, wo sie, so besteht die Hoffnung, nicht nur ihre eigene Stabilität wiederfindet, sondern gleich auch noch den dunklen Mächten, die die Freiheit der Welt bedrohen, einen empfindlichen Schlag versetzt und, wie es sich gehört, die dunklen Abgründe ihrer Familiengeschichte aufklärt.

In der Zusammenfassung hört sich das merkwürdig schlicht an. Oft handelt es sich bei Fantasy-Romanen um gradlinige Geschichten, die nur – wie es Pullman im Roman selbst beschreibt – durch Nebenhandlungen und Nebennebenhandlungen (manchmal auch Nebennebennebenhandlungen) – kleinen Verwirbelungen im Strom des Erzählens – von 150 auf 750 Seiten aufgebläht werden. Doch diese Blähungen gelingen erzählerisch, wenn die Figuren psychologisch komplex und realistisch sind, wenn die Handlung immer wieder überrascht, wenn der atmosphärische Gehalt der Oxforder Gelehrtenrepublik ebenso wie des Flußlebens in den Fens oder des städtischen Treibens in Smyrna authentisch vor die inneren Sinne steigen. Pullman schafft es meistens, das Versprechen einer großen Erzählung einzulösen.

Wer über Stunden und vielleicht auch Tage in eine alternative Welt abtauchen will, wird mit Dark Materials gut bedient. Das Phänomen der Fortsetzung trägt über lange Zeit und wird, wie es sich heutzutage gehört, mit einem radikalen Cliffhanger beendet, der auf den nächsten Band sehnsüchtig hoffen lässt.

 


Bibliographie