Warum sollen wir alte Bücher lesen?
Fragt man jüngere Leser*innen, so ist die Antwort auf diese Frage schnell gefunden: Zu altertümlich, fremdartig, schwierig. Und tatsächlich tun sich im Universum zwischen Reclam und günstigen Klassikernachdrucken aufgrund sinkender Nachfrage langsam Lücken auf.
Trotzdem werden auch immer wieder alte Bücher neu aufgelegt, so z.B. in diesem Frühjahr Mistral der hierzulande unbekannten Maria Borrély. Ein kleiner Roman, 1930 dank Jean Giono bei Gallimard erschienen, verehrt von André Gide. Mit expressiver Macht wird hier die traurige Liebesgeschichte der jungen Marie beschrieben. Umtost von Wind und Wetter in einer bäuerlichen Kultur geht sie ihren eigenwilligen Weg.
Ebenso ungewöhnlich ist eine Auswahl des noch weit länger zurückliegenden Werks von Ludwig Tieck. Der Autor ist heute Nichtgermanisten allenfalls noch als Herausgeber von Märchen bekannt. Sei Werk ist weitgehend auf das Reclam-Universum beschränkt. Bei KiWi ist nun eine verdienstvolle Auswahl von höchst eindrucksvollen Wilden Geschichten erschienen, die Experimentierfreude und Sprachmacht des Romantikers bezeugen.
Beide Bücher sprechen in ihrer Ausdruckskraft auch heute noch spontan an und beide Bücher sind ungewöhnlich und fremdartig. Aber genau das sind Qualitäten, die man zwischen den Bergen von aktueller Genreliteratur zur Abwechslung dringend benötigt.
Denn beide Bücher justieren unsere Sensoren für Literatur. Sie zeigen, was literarisch machbar war und ist und welche Freude beim Lesen von Formulierungen und Gedanken entstehen kann.
Wer sich coachen lassen will, dem seien die Essaybände von Helga Schubert zu Anton Tschechow oder Mithu Sanyal zu Emily Brontë empfohlen.