Soviel Kraft findet man selten.
Eines der besten Bücher des Frühjahrs und - wie die Neuerscheinungen von Leif Randt und Lutz Seiler - für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, ist der neue Roman von Verena Güntner Power. „Kerze“, die Hauptfigur des Romans, ist ein Mädchen von 11 Jahren, das sich auf die Suche nach dem verschwundenen Hund Power der alten Hitschke macht. Sie gibt sich dazu einen Auftrag und zieht ihn durch – ohne Rücksicht auf Verluste.
Nachdem eine erste Suche nicht erfolgreich ist weitet sie den Auftrag auf die übrigen Kinder des Dorfes aus und bindet diese immer mehr in eine sektenartige Gemeinschaft ein. HINGABE brüllt sie ihnen entgegen und die Kinder brüllen es zurück. Im Laufe der leicht surrealen Geschichte verwandeln sie sich in hundeartige Wesen, krabbeln auf allen Vieren durch den Wald und geben sich bis zur Erniedrigung den leicht wahnhaften Vorstellungen ihrer Anführerin hin.
Letztlich passiert wenig im Roman, sieht man von der gnadenlosen Aufdeckung einiger Tabus des Dorfes ab, das Ende ist unspektakulär. Trotzdem ist das Buch ein großer Gewinn, hat es doch psychologische Tiefe und kann zugleich als politischer Verführungsroman gelesen werden. Die Autorin hat für diese etwas bizarre Geschichte einen rüden Ton gefunden, der in seiner Härte großartig der Anführerin gerecht wird.
Kerze erinnert als Systemsprengerin daran, dass die Gesellschaft in der wir leben jeden Tag eine andere werden kann. Potentiale gibt es – nicht nur jetzt – in alle Richtungen. Am Ende fügt sich Kerze wieder in die Dorfgemeinschaft ein. Was mir geblieben ist, ist ein leichtes Unbehagen und große Dankbarkeit. Den Romantitel kann man Protagonistin und Autorin als Ehrentitel auf jeden Fall verleihen.