Schatten voraus: das Jubiläum
Im kommenden Jahr befindet sich Maulbronn in der erfreulichen Situation, ein wirklich und wahrhaftig sehr bedeutendes Jubiläum feiern zu dürfen: Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin geboren. Der nach Hermann Hesse und Johannes Kepler bekannteste und mit Kepler sicherlich bedeutendste Maulbronner Klosterschüler feiert Jubiläum und der Schatten, den dieses Denkmal auf den Buchmarkt wirft, ist schon jetzt in Form von diversen Neuerscheinungen erkennbar.
Rüdiger Safranski hat eine neue Biographie des Dichters vorgelegt, die profund wie immer seine Kerngedanken zu diesem versammelt. Dazu ist im gleichen Verlag (Hanser) eine Geistersgeschichte Deutschlands auf Hölderlins Spuren von Karl-Heinz Ott erschienen, die gelehrt und spitzfedrig Genie und Wahnsinn von Fritz nachgeht.
Erich Witschke hat Hölderlins Leben mit Schwerpunkt auf der frühen Freundschaft zu Hegel und Schelling in einen Roman gefasst, Eberhard Rathgeb hat sich Hegel und Hölderlin biographisch genähert. Bei Belser ist ein hübscher Band erschienen, der sich Hölderlins Orten widmet, darunter auch dem Kloster Maulbronn. Die Knubbensche Winterreise, bebildert, könnte man als autobiographische Annäherung an eine literarische Existenz beschreiben, deren Lektüre allemal lohnt.
Natürlich gibt es auch die Werke selbst, wenn auch nicht in so vielen Ausgaben, wie man meinen könnte. Eine runde Sache ist die dreibändige Werkausgabe bei Hanser, Einzelausgaben in verschiedenen Preisklassen sind ebenfalls vorhanden. Ein Schnäppchen ist der Backstein aus dem Deutschen Klassikerverlag, der die über 1000 Seiten Dünndruckpapier mit Kommentar für 10 Euro unters Volk zu bringen versucht. Dass solches nur mäßig von Erfolg gekrönt ist zeigt sehr genau die heutige Beliebtheit des Autors.
Dass er dennoch wirkmächtig ist, zeigen - unter anderem - zwei Publikationen: Die Poetikvorlesung von Navid Kermani und das Werk von Karl Ole Knausgard. Bei Kermani steht Hölderlin neben Jean Paul als Kronzeuge einer intellektuellen und sprachlichen Haltung, die bis heute aktuell ist. Und Knausgard arbeitet sich in seinem sechsbändigen autobiographischen Projekt intensiv an Hölderlin ab. Komm ins offene, Freund!, rief der überwiegend isoliert im Turm wohnende Dichter. Und das gleiche ruft der tabulos sich entblößende Norweger in die weite Welt der literarischen Aufmerksamkeit.
Hölderlins Sprache ist ein Wunder und eine Zumutung. Es bleibt zu hoffen, dass das Jubiläumsjahr beides wieder einem breiteren Publikum in Erinnerung bringt.