Provenzalische Spezialitäten
Kurz bevor die große Urlaubssaison beginnt, sind nun alle wichtigen Regionalkrimis erschienen, v.a. die (deutsch-) französischen. Und dort nimmt – als Hauptkrimiregion – die Provence die zentrale Stellung ein: unheilvoll, verhängnisvoll, finster, bedrohlich oder verräterisch sind die Charakterisierungen, die der Landschaft zwischen Rhone, Mittelmeer und Pyrenäen zugedacht werden.
Gleichzeitig ist sie das Land des Lichts, der farbenfrohen Maler und der duftenden Kräuterbüsche, der glitzernden Meeresflächen und der ewig wohlschmeckenden Spezialitäten, von der Bouillebaisse über das Daube provençale bis zum Ratatouille.
Diese Widersprüche findet man auch in den Büchern, die weniger kriminell, als an kulturellen Tiefenbohrungen interessiert sind. Erst kürzlich ist das zweite Buch von Maria Borrély erschienen, die die bäuerliche Provence vor hundert Jahren zum Gegenstand hat. Ganz ohne Kriminalhandlung findet man hier die erbarmungslose Härte einer ländlichen Gesellschaft und einer alles dominierenden, nicht immer freundlichen Natur in großartiger Schönheit.
Etwas versöhnlicher hat die Provence einen Auftritt bei Jean Giono, der Maria Borrely sehr schätzte, und von dem ein Sammelband nun eine Neuauflage erlebt hat. Viele Sätze, die man dort lesen kann, haben bis heute Gültigkeit, nicht nur für die Provence. Gleich im Vorwort von Henri Godard liest man das schöne Zitat Gionos: „Es gibt keine Provence. Wer sie liebt, liebt die Welt, oder er liebt nichts.“ Alles, was danach kommt, bestätigt und widerlegt diesen Satz, und damit die Ahnung, dass die Provence vielleicht nicht zu Unrecht Literaturland Nr.1 in Frankreich ist.