Historische Fantasien
Aktuelle Beispiele historischer Romane gibt es viele. Einige Interessante sind jetzt neu erschienen zu so unterschiedlichen Personen wie Meister Eckhart, Wilhelm Tell, Daniel Defoe, oder dem New Yorker Bürgermeister Andrew Green.
Als Fortsetzung von Der Name der Rose versteht Dirk Schümer seinen Roman Die Schwarze Rose, dessen Hauptfigur der mittelalterliche Theologe, Philosoph und Mystiker Meister Eckhart ist. Und wie schon Umberto Eco hat auch Dirk Schümer einen Krimi geschrieben. Trotzdem kommen das Zeitkolorit, die theologischen Debatten am päpstlichen Hof in Avignon oder die für uns manchmal gewöhnungsbedürftigen mittelalterlichen Sitten nicht zu kurz. Ganz so elegant und intellektuell brillant wie das Vorbild ist dieses Buch nicht geworden. Aber lesenswert ist es allemal.
Wilhelm Tell ist im Gegensatz zu den anderen Gestalten der hier verhandelten Büchern keine historische Person. Das mythologische Vorbild für den schweizer Befreiungsheld kommt aus Persien. Dennoch ist er eine der großen Gestalten der Weltliteratur. Der auf Island lebende Schweizer Joachim B. Schmidt widmet nach seinem Erstlingserfolg mit dem skurrilen Ermittler Kalmann seinen neuen Roman dem Armbrustschützen. In schnellen Schnitten lässt er innere Monologe der Beteiligten des Dramas aufeinanderprallen: Tell und seine Familie, Gessler mit seinen Hofschranzen. Was er damit gewinnt ist eine große Lebendigkeit und einen neuen Blick auf den Schweizer Helden.
Die vielleicht interessanteste Figur dieser Romane ist aber Daniel Defoe, der Protagonist der Verschwörung der Krähen von Markus Gasser. Mit großer Sachkenntnis und erzählerischer Stilsicherheit beschreibt Gasser aus dem Leben eines der bizarrsten Autoren der Weltliteratur. Essayist, Romancier und Kaufmann, scheint Defoe mit viel Humor von einer Katastrophe in die nächste gestolpert zu sein. Verfolgt von Staat und Kirche, beruflich stets mit einem Bein im Schuldturm. Noch sein Robinson Crusoe bringt im kaum etwas ein, obwohl er zu den meistgedruckten Werken nach der Bibel gehört. Ein toller Autor, ein toller Roman.
Zum Abschluss: Der große Fehler von Jonathan Lee, ein Werk über einen Außenseiter, eine – wenigstens hierzulande – weitgehend unbekannte Figur der amerikanischen Geschichte: Father of Greater New York, Erfinder von Central Park, Metropolitan Museum, Public Library u.a.. Sein Tod durch ein Attentat – misslungen, denn er wurde verwechselt – liefert die kriminalistische Grundstruktur, erzählt wird aber die Geschichte New Yorks und seiner Menschen. Ein großer, spannender und bewegender Roman.