Gedacht - gehört - und nicht gelesen

Bevor das Jahr zu Ende geht, soll schnell noch seinen Jubilaren gedacht werden, von denen es einige gibt, die bedenkenswert sind, auch wenn Ihrer nicht gedacht wird. Folgen wir Ihrer Berühmtheit, dann steht an erster Stelle natürlich Anton Bruckner, dem gleich mehrere Biographien und natürlich Spezialpublikationen gewidmet sind.

 

Der Meister des gravitätischen Schreitstils, der einen in Wohlklang versinken lässt oder mit geballter Blechwucht aus dem Sessel fegt, war lange als Erztraditionalist und Langweiler verschrieen. Heute wird die antizipatorische Kraft der Wiederholung und der Klangflächen geschätzt. Bruckner: ein widersprüchliches Phänomen, das an Anziehungskraft nicht verloren hat und zurecht gewürdigt wird. Einen lebendigen Einblick in Leben und Werk gibt die Biographie von Rüdiger Görner.

 

Daneben wurde aber nicht nur Bruckner 200, sondern auch die Zwölftonmusik 150 Jahre alt. Man sollte es nicht meinen, dass die Musik der Zukunft („ich fühle Luft von anderen Planeten“) auch im Zeitalter von Musk und Weltraumtourismus immer noch Schwierigkeiten bei der öffentlichen Akzeptanz hat. Wie das Jubiläum zeigt. Denn auf dem Buchmarkt gibt es im nicht gänzlich fachwissenschaftlichen Gebiet nur 1 Publikation.

 

Mit 100 Jahren seit seiner Geburt geht es da Luigi Nono nicht viel besser, der ohne Zwölftonmusik nicht denkbar ist, auch wenn er das Schönbergsche System in ganz andere musikalische Welten hinein entwickelt hat. Immerhin erscheint im kommenden Jahr mit ein wenig Verspätung eine Würdigung in der Reihe konzis bei Schott.

 

Geht man in die andere Richtung, dann ist natürlich das ebenfalls 200-jährige Jubiläum der 9. Sinfonie von Beethoven ausführlich in Konzerten und Ausstellungen gewürdigt worden. Allerdings ohne Niederschlag auf dem Buchmarkt. Nun ja, man will halt hören und nicht fühlen, äh, lesen.

 

Genauso wenig kümmert es jemand, dass vor 300 Jahren das Teatro nuovo in Neapel eröffnet wurde und damit eine glanzvolle Karriere bis heute mit unzähligen Uraufführungen, u.a. von Paisiello, Cimarosa, Spontini und Donizetti begann. Hätte man da nicht ... ?

 

Vor 400 Jahren publizierte Samuel Scheidt seine Tabulatura nova, ein Meilenstein in der Entwicklung der Musikliteratur für Tasteninstrumente. Immerhin: lieferbar bei Breitkopf & Härtel. Und dankenswerterweise erscheint im kommenden Jahr ein inhaltlich hoffentlich gewichtiges, materiell sehr leichtes e-Book, über die Norddeutsche Orgelschule (Carus).

 

Bevor die Aufzählung der unterlassenen Gedenkanlässe zu groß wird nur noch zwei kleine Hinweise auf den Todestag von Sebastiano Festa 1524, einem Pionier des Madrigals, der im gleichen Jahr stirbt, in dem Johann Walter sein Chorbüchlein veröffentlicht und damit die Grundlagen der evangelischen Kirchenmusik legt. Als CD erhältlich, ansonsten: Stille.


 


Bibliographie