Der lange Arm

Die meisten werden schon einmal die Alpen über den Reschenpass gequert haben, sich nach einigen Kehren bergauf über den großen See im weiten Tal zwischen den Gipfeln gefreut und mit einiger Verwunderung den Kirchturm erblickt haben, der mitten aus dem See ragt.

Surreal wirkt das, und mancher hat vielleicht kurz nachgedacht, wie so etwas zustande kommt. Ein Dorf, eine Kirche, und jetzt ein See. Die Geschichte ist eher kommentarlos darüber hinweggegangen, doch nun hat sich ausgerechnet ein italienischer Autor dieser Geschichte angenommen. Marco Balzano, Erfolgsschriftsteller aus Mailand, hat der Kirchturm jedoch keine Ruhe gelassen. Er hat sich daran gemacht, die Geschichte zu recherchieren. Herausgekommen ist ein Roman, der sich als Familiengeschichte ebenso wie als Politkrimi liest, eine Geschichte, aus der am Ende alle beschädigt hervorgehen, mit Wunden, die bis heute schmerzen.

Graun im Vinschgau, ein Tiroler Dorf, das von der Braunviehhaltung lebte, wurde nach dem 1. Weltkrieg italienisch. Die Faschisten wollten nicht nur eine Italianisierung Tirols durchsetzen, sondern auch seine Industrialisierung. Daraus resultierte die Idee eines Staudamms. In den zwanziger Jahren begonnen, dümpelte der Bau der Staumauer so vor sich hin. Die Bevölkerung litt unter dem Faschismus, den Staudamm nahm sie nicht ernst. Es folgte der Krieg, der Opfer forderte. Die Bevölkerung litt, der Staudamm wurde immer unwahrscheinlicher. Dann kamen die Deutschen. Die Bevölkerung litt, um den Staudamm wurde es still. Dann kamen wieder die Italiener, nicht-faschistisch, die Bevölkerung, man kann es sich denken, litt. Und der Staudamm nahm Fahrt auf.

Balzanos Familie will eine einfache Bauernfamilie sein, die Tochter Lehrerin. Doch mit ihrer Lust an der italienischen Sprache sitzt sie in den zwanziger Jahren zwischen den Stühlen. Später zwingt der Widerstand gegen den Staudamm die Familie in die Flucht in die Berge. Unter der demokratischen Nachkriegsregierung wird der Hof schließlich gesprengt.

Am Ende der Geschichte steht die Enteignung der Bevölkerung mit geringen Entschädigungen für gesprengte Häuser und überflutete Weiden. Der Roman zeigt beispielhaft an einem Dorf und an einer Familie, wie sich das Weltgeschehen allen Versuchen zum Trotz, sich diesem zu entziehen, auch noch ins letzte Tal frisst. Am Ende gewinnt die Politik und die Menschen verlieren.