Der Elefant im Zimmer
Der für den Leipziger Buchpreis nominierte, aber leider nicht gekürte Roman Allegro Pastell von Leif Randt ist einer der geglücktesten Versuche einer Gegenwartsbeschreibung dieser Saison. Dabei ist der ein wenig merkwürdig collagierte Titel aus Musik und Kunst Symbol für das musikalisch empfundene Kontinuum eines atmosphärisch dichten Sprachwerks, das der Autor mit seinem neuen Roman geschrieben hat. Wie schon im Vorgänger Planet Magnon handelt es sich um ein dichtes – gefühlt orangenes – Parlando, einen endlosen Strom von Selbstbespiegelungen der Protagonisten, die im wesentlichen von der Liebe und ihren Variationen zwischen drei Menschen, von Nähe und Distanz, von Verantwortung und Freiheit, von der Frage, was es denn mit dieser Liebe auf sich hat, handeln.
Ein großes Bedürfnis nach Kontrolle über sich und seine Umwelt ist das große Thema, das alle Hauptfiguren bewegt. Und ein großes Erstaunen lässt sich immer wieder erahnen, wenn ein derzeitiger oder Expartner sich nicht so verhält, wie man es erwartet und die daraus resultierende Kluft sofort mit einem Reflexionsstrom verarbeitet wird. Als Versuch einer vollständigen Optimierung des eigenen Lebens erscheinen dabei die Lebensentwürfe der handelnden Personen, die die Dreiecksgeschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählen. Von der Beziehung über den Drogenkonsum bis zum Netzauftritt wird alles dem Gesetz der optimalen Gestaltung unterworfen.
Eine Spur zu seinen Inspirationen legt Leif Randt, wenn er vom "Schweizer Autor Peter Handke" spricht. Wenn sich das Lektorat nicht im Tiefschlaf befunden hat, darf man die Äußerung des Erzählers als Hinweis nicht nur auf auf die reflexive Klarheit Handkes, sondern auch auf Robert Walser verstehen, der mit seinen abgründigen Glücksgeschichten durchaus als Vorbild für Leif Randts Schreiben betrachtet werden kann. Davon abgesehen scheint der grenzenlose Egozentrismus ganz gut auf die derzeitige literarische Landschaft der BRD zu passen. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten über den Coronavirus erscheint Leif Randts Roman als fast unheimliches Gegenbild. Oder es macht als Hintergrund, vor dem die Debatten über Begrenzung, Verzögerung und Bekämpfung stattfinden, den verzweifelten Griff einer Gesellschaft nach der entgleitenden Kontrolle verständlich - die es so, wie gesucht, vielleicht nicht geben kann. Dem Autor ist ein großartiger Roman und ein bemerkenswertes Zeitzeugnis gelungen.