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Das Schreckliche schön, das Schöne schrecklich

Gute Bücher müssen nicht groß sein, sie müssen keine 1000 Seiten haben und nicht von berühmten Menschen stammen. Manchmal kommen sie bescheiden daher, stellen sich aber den schwierigsten Aufgaben und lösen sie in Wohlgefallen auf. Oder nicht Wohlgefallen. Sondern in einem Gefühl der Stimmigkeit. Mehr kann man nicht verlangen bei einem Buch, das sich der Aufgabe stellt, über die Liebe und den Wert des Lebens im Zeitalter von Auschwitz zu schreiben.

Der industrialisierte Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas im sogenannten Dritten Reich ist ein so düsteres Kapitel unserer Geschichte, dass man sich fragt, wie man aus diesen Fakten eine Erzählung machen soll, die auch für jüngere Leser geeignet ist. Ist Auschwitz nicht der Begriff für ein Zuviel an Schrecken, an Grausamkeit, an Unmenschlichkeit, die allenfalls traumatisierend für die heute so behütet aufwachsende Jugend wirken kann?

Jean-Claude Grumberg hat sich dem Risiko gestellt und eine Geschichte geschrieben, die von Verlust, Todesangst und Gewaltausbrüchen erzählt. Doch er hat diese Geschichte in das Gewand eines Märchens gekleidet, das von zwei Familien erzählt: den französischen Juden, die aus Drancy nach Auschwitz transportiert werden, wo die Mutter und ein Zwilling sterben, während der Vater als KZ-Friseur überlebt. Und dem polnischen Holzfällerpaar, das einsam im Wald lebt, bis eines Tages ein aus dem Todeszug geworfenes Baby – das Mädchen der französischen Zwillinge – ihr Leben verändert.

Das Märchenhafte an dieser Geschichte bricht die entsetzliche Grausamkeit des Geschehens, ohne es ins Unwahrscheinliche abzulenken. Es verleiht der Holzfällersfrau, die von den Göttern des Zuges spricht, Authentizität. Das sich öffnende Herz des anfangs radikal verhärteten Holzfällers entledigt es des Kitschverdachtes. Und das Ende bleibt als halbes Happy End erträglich.

In der Ausgabe des Jacoby & Stuart Verlages ist die Geschichte begleitet von Bildern der Illustratorin Ulrike Möltgen. Wie nur wenige kann diese Künstlerin ihre Bilder den jeweiligen Texten angleichen und ihnen eine zweite Erscheinungsform verleihen, die von Buch zu Buch variiert. In diesem Fall sind ihre Bilder von einer alptraumhaften Präzision, die ihresgleichen sucht. Abgrundfinster, fotografisch genau und zugleich nebelhaft verschwommen, laufen die Schauplätze und Akteure parallel und intensiv zum Text mit, machen das Schreckliche schön und das Schöne schrecklich. Wen der Text nicht überzeugt, der muss dennoch von den Bildern begeistert sein.

Ein Märchen
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783964280732
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