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Das liebe Leben

Crossroads heißt der neue Roman vom amerikanischen Großschriftsteller Jonathan Franzen, und wie schon seine vorangegangenen Romane handelt es sich auch bei diesem um ein intensives Gesellschaftsporträt, hier der frühen 70er Jahre. Am Beispiel der Weihnachtstage der Familie Hildebrandt aus dem fiktiven New Prospect, Illinois, verhandelt der Autor alle wichtigen Themen der Zeit: Frauenbewegung, Jugendprotest, Drogenkonsum, Vietnamkrieg – habe ich etwas vergessen?

Zwei Tricks helfen ihm, all diese Themen und noch viele mehr in ein komplexes Beziehungsgeflecht einzubetten und dadurch interessant zu machen. Zum einen lässt er in einzelnen Kapiteln die Protagonisten der Familie, der Vater Russ, die Mutter Marion, die Söhne Clem und Perry und die Tochter Becky, zu Wort kommen, indem er aus ihrer Perspektive erzählt. Nur der 9-jährige Judson darf nicht, was sich leicht aus dessen noch nicht ausgebildeter Reflexionsfähigkeit erklären lässt.

Genau diese ist es aber, die den Roman am Laufen hält. Denn mehr als 800 Seiten wollen spannend erzählt sein, und das gelingt Franzen nicht nur durch den Wechsel der Perspektiven und Rückblenden in die Familiengeschichte, sondern auch durch den zweiten Trick: Jede Figur redet in diesem Buch nicht nur, sondern reflektiert ihre Handlungen und die der Anderen. Mit fast durchgängiger Regelmäßigkeit reagieren aber alle Figuren unerwartet, um nicht zu sagen gegensätzlich auf das jeweilige Anliegen der Hauptfigur.

Das Ergebnis ist eine mäandernde Tragikkomödie, in der allen heroischen Anstrengungen, jedem schmerzlichen Einbruch und beinahe jeder Gefühlsregung eine erstaunte, wütende selige, jedenfalls stets unerwartete Reaktion folgt. Wie genau dieser Roman komponiert ist, zeigen kleine Details. So findet sich genau in der Mitte des Romans zwei Szenen, in denen vor dem stets niederknienden Pfarrer Russ sein Erzfeind Ambrose niederkniet, während in der Folgeszene Russ’ Tochter Becky – vor der alle niederknien - vor ihrer Erzfeindin Laura niederkniet.

Gegensätze und Symmetrien scheinen das heimliche Gestaltungsprinzip dieses Romans zu sein, der ebenso humorvoll wie tragisch erzählt ist. Sie bringen für uns Rezipienten Ordnung in das emotionale Durcheinander, das in dieser Kleinstadt kurz vor Weihnachten und im darauf folgenden Frühjahr in dieser Gemeinde herrscht. Schuld, Verantwortung, Vergebung, Liebe, Hass, Enttäuschung sind die psychischen Pole, um die die Figuren kreisen, und die das Spiel aus Anziehung und Abstoßung am Laufen halten. Die Frage nach Moral, nach Schuld und Glauben ist in eher ungewöhnlich intensiver Weise präsentiert. Ansätze zu philosophischen Höhenflügen findet man aber eher selten, es menschelt sehr. Aber vielleicht gehört das zum Geheimnis des page turners.

Der Band ist der Auftakt zu einer Trilogie namens A Key To All Mythologies. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht.

 

Roman
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783498020088
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