Bericht eines Menschen

Der Halbbart

Große Mittelalter-Romane gibt es nicht viele. Vielleicht nur einen einzigen: Den Namen der Rose von Umberto Eco. Die Bücher von Ken Follett, Rebecca Gablé, Tanja Kinkel, Daniel Wolf oder wie sie alle heißen, mögen populär sein und mit dem Unterhaltungswert von Eco gleichziehen: seine historische und intellektuelle Tiefe erreichen sie nicht.

Jetzt ist Der Halbbart vom Zürcher Autor Charles Lewinsky erschienen, der mit einigem Recht beanspruchen kann, in die Fußstapfen eines Eco zu treten. Dabei geht er einen ganz anderen Weg als dieser. Es geht nämlich gerade nicht um die gelehrte, intellektuelle Verfassung der Menschen des 13. Jahrhunderts, und ihre Versuche, die Welt, und das, was wir über sie sagen können, zu verstehen – als Spiegel unseres eigenen Jahrhunderts. Es geht um das schlichte Erzählen, um die Frage, wie wir als Menschen von der Welt berichten können. Genau das tut nämlich der Protagonist des Buches, der junge Eusebius, genannt Sebi, in einem der hinteren Winkel der Schweiz in der Zeit um 1300. Und genau das tut natürlich auch der Autor des 21. Jahrhunderts.

Das große an diesem Roman ist seine Einfachheit. Wie hier ein junger Bauernlümmel in schlichten Worten die politischen und sozialen Konfliktzonen seiner Zeit schildert hat Größe. Bei aller Einfachheit der Erzählung bildet sich dennoch ein komplexes Bild der Zeit. Die habsburgischen Versuche der Errichtung eines Herrschaftsschwerpunktes und der Kampf der Eidgenossen dagegen, die Spannungen innerhalb einer von Existenznot geprägten Dorfgemeinschaft, das traurige Bild einer parasitären und bigotten Kirchenkultur, die Problematik innovativen Denkens in einer von Traditionen bestimmten Gemeinschaft, und nicht zuletzt das Verhältnis von Erzählen und Erinnern.

Die Schlacht am Morgarten von 1315 bildet den historischen Hintergrund für den Roman: ein Ereignis, dessen große Bedeutung für die Schweizer Geschichte im Widerspruch zur dürftigen Faktenlage steht. Lewinsky schafft es, durch die Allgegenwart des Erzählers alle Akteure lebendig werden zu lassen. Er nutzt dazu die Gabe des Jungen, mehr oder weniger unnütz für die Dorfgesellschaft zu sein. Er ist ein Finöggel, wie es auf berndeutsch heißt, zimperlich und zu wenig belastbar für das rauhe Leben im Dorf anno 1315.

So kennt er schließlich alle, nicht nur seine Familie, darunter den klugen, aber aufbrausenden Geni, bei dessen Beinamputation er zusieht. Er kennt die Patres vom Kloster Einsiedel, auch in ihren weniger glücklichen Aspekten, er kennt den Schwämmli, der mit dem Schwanz wedelt, wenn man ihn mit der Rute fitzt, das Kätterli, dem er seine Geschichten erzählt, die aber wenig von ihnen hält, den Roggenmoser, der immer betrunken ist und so falsches Zeugnis ablegt, den Eichenberger, der sich in Politik versucht, den Hauptmann Alisi, der gegen die Habsburger kämpft, und natürlich kennt er den Halbbart, den Fremden, der als zwielichtig beäugt trotzdem maßgeblich für die Geschicke des Dorfes sein wird.

All das erzählt Lewinsky in einer einfachen Sprache, die wenig mit Mittelalterlichem, mehr mit schweizerdeutschem Dialekt gesprenkelt ist. Das Ergebnis ist nicht nur sehr gut lesbar, sondern wirkt erstaunlicherweise absolut authentisch. Der Halbbart ist ein Buch, das für alle Mittelalterliebhaber und helvetophilen Pflicht ist. Aber: Es lässt sich auch einfach so lesen, als packendes Buch, als unterhaltsamer Roman, als gelungene Herstellung von Volkstümlichkeit. Die Nominierung für den Deutschen Buchpreis ist das mindeste, wie man dieses Buch ehren kann.

Lewinsky, Charles
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257071368
26,00 € (inkl. MwSt.)