Bald aber sind wir Gesang? - Welttag der Poesie
Zum Welttag der Poesie in diesen Mauern heißt den hier erzogenen Dichtern zu gedenken. Dem isolierten Großdichter Hölderlin, der jenseits von Stilkriterien und literaturwissenschaftlichen Debatten ein Sprachreich geschaffen hat, dessen schwer fassbaren lyrischen Bewohner von maximalem Gewicht und jenseitiger Leichtigkeit erfüllen sind.
Oder Hermann Hesse, der tastende und forschende Zeitgenosse, der mit seinem Blick auf die Welt, auf die Menschen und ihr würmchengleiches Streben bis heute Landmarken der Selbst- und Welterkenntnis aufgerichtet hat: Jeder Anfang ist sprichwörtlich, und wir alle gehen die Stufen hinauf und hinunter, jedenfalls bis zum Ende.
Der Klang der Jugend, der sich in Maulbronner Gewölben bricht, klingt aus vielen Gedichten herüber. Doch ein Welttag wäre kein Welttag, wenn nicht auch der Anderen gedacht würde. Der ersten Dichterin Sappho, dem wunderbar klaren Li Bo, dem lustvollen Horaz, dem mittelalterlichen Weltenbauer Dante, der barocken Nachtigall Friedrich von Spee oder dem unfassbar vielfältigen Goethe, dem brennenden Trakl, dem nüchternen Benn.
Und nicht zuletzt dem Jubilar: Rainer Maria Rilke, der heuer seinen 150. Geburtstag feiern würde, wenn er noch unter uns weilte. Mit seinem Werk hat er sich ins Herz von vielen geschrieben, als Liebender, als Betrachtender, als Anbetender. Elegant ist seine Sprache, manchmal ein wenig verrätselt, in seiner Ekstase nicht allzu fern von Hölderlin, aber parfümierter und auf jeden Fall ungeheuerlich wohlklingend. Da ist kein Reim, der Dich nicht - , nun ja. Wir wissen alle, wie der Reim auf Rilke lautet: Du musst dein Leben ändern, und äh, künftig Lyrik kaufen.
Das ist der Reim des Handels. Und die Lyrik hat sich ja auch ordentlich weiterentwickelt. Die Klassiker von heute sind Brinkmann und Mayröcker. Wer aktuell schreibt findet viele Plätze, vom edlen – oder unedlen – Kleinstverlag bis zum Internet oder twitter (Setz). Die Welt ist reich und ihr König ohne Land heißt Poesie. Wir haben gehuldigt und laden Sie dazu ein, das Gleiche zu tun.