Anti-Buchtipp: Willkür, Unwissenheit oder Ignoranz
Normalerweise ist ein Buchtipp eine Empfehlung zum Kauf, dieser nicht. Und normalerweise ist es nicht meine Vorstellung vom Buchhändler, politisch direkt Stellung zu beziehen, denn für mich ist die Buchhandlung ein Sammelbecken unterschiedlichster Positionen.
Bisher habe ich nur dann eine Ausnahme dort gemacht, wo rechtliche Grenzen berührt werden, was in meiner Laufbahn nur einmal der Fall war, als jemand einen Titel mit revanchistischer Zielrichtung aus einem bekannt rechtsextremen Verlag bestellen wollte, was ich verweigerte.
Nun ist aber ein Buch erschienen, das als Manifest der AfD und der identitären Bewegung dienen soll. Die Gestalter des Buches haben eine Coverabbildung gewählt, die mich als Maulbronner, als Buchhändler im Kloster Maulbronn und als Kunsthistoriker angeht. Denn die Coverabbildung zeigt eine blau eingefärbte Innenansicht des Klosters Maulbronn, genauer, des Laienrefektoriums.
Warum dieses Bild gewählt wurde ist mir unbekannt. Die Wahl des Laienrefektoriums als Titelbild eines Manifestes der identitären Bewegung wirft aber doch Fragen auf.
Hat man hier zisterziensische Architektur aufgrund ihrer Strenge gewählt, die vorbildlich für die Strenge des kulturellen Anspruchs? Hat man das hohe Mittelalter in Erinnerung an deutsche Größe gewählt, die bis zum Ende des Nationalsozialismus gerne mit den Staufern assoziiert wurde? Oder wollte man einfach ein urheberrechtsfreies Bild, das zufällig irgendwie auf dem Desktop des Gestalters landete?
Konzediert man eine nicht gänzlich zufällig Wahl des Motivs, dann werden typische rechte, bzw. identitäre kulturelle Strategien sichtbar: Die Umdeutung eines kulturellen Phänomens, hier des Klosters Maulbronn, in ein Monument der eigenen politischen Vorstellungen. Dabei hilft die Konfrontation des historischen Monuments mit den Vorstellungen des Autors diese Manifestes, Maximilian Krah.
„Die höchste Ebene unserer Identität ist das Volk.“
Im deutschen Mittelalter gab es kein deutsches Volk. Weder politisch noch kulturell hat es vom 12. bis zu 15. Jahrhundert Deutschland gegeben. Während das Laienrefektorium gebaut wurde hat man in Maulbronn nicht deutsch gesprochen, sondern Latein. Diejenigen, die dieser Sprache nicht mächtig waren, sprachen eine süddeutsche Variante des Mittelhochdeutschen, das enge Verbindungen zum heutigen Schweizerdeutsch bzw. süddeutschen Dialekten hat. Und natürlich zum Jiddischen, weniger zu norddeutschen Dialekten.
Vermutlich war die Mehrheit der Bewohner des Klosters aus der Region, zumindest bei den Herrenmönchen gab es aber auch einen durchaus internationalen Mix, denn die Mobilität unter Mönchen war trotz stabilitas loci, der strengen Klausur, nicht so ausgeprägt, wie es die zisterziensische Ideologie wollte.
Die Architektur, die auf dem Manifest der neuen Rechten zu sehen ist, steht im Gebiet des heutigen Deutschland. Ihr Baumeister kam aber entweder aus Frankreich oder war dort ausgebildet oder nahm sich zumindest französische Bauten aus Burgund und dem Bistum Laon zum Vorbild. Daneben war der erste Kreuzgang – der heute nicht mehr steht - südfranzösisch geprägt, die nächsten Verwandten der Klosterkirche stehen in der Schweiz, um 1400 hatte man Verbindungen nach Prag. Die Architektur des deutschen Klosters war also durchaus europäisch, was für das Mittelalter keine ungewöhnliche Erscheinung ist.
„Ordnung, Freiheit und Identität kann der Staat nur gewährleisten, wenn er homogen ist.“
Oder war es vielleicht doch die zisterziensische Strenge, die homogene Form einer Architektur, die als Modell eines ebenso homogenen und streng organisierten Staates dienen soll? Nun, auch hierfür ist das Laienrefektorium ein schlechtes Beispiel. Denn es ist als Laienrefektorium ein explizit „bescheidener“ Bau im Vergleich zum Herrenrefektorium, das in Maulbronn monumentale Ausmaße angenommen hat. Und trotz dieser Bescheidenheit ist es ein durchaus prächtig ornamentierter Saal, der mit den damals modernen Knospenkapitellen auf Doppelsäulen geschmückt wurde. Streng wirkt er auf uns vielleicht, aber homogen ist er nicht. Denn die prächtigen Doppelsäulen stehen in einem kargen Rahmen, ein Hinweis auf die längere Bauzeit, die vermutlich zwei Bauphasen umfasst. Die Gewölbe schließlich sind spätmittelalterlich, auch wenn sie romanisch aussehen. Ein Pasticcio also, das der Idee von Strenge und Ordnung diametral entgegensteht.
Kulturell ist das mittelalterliche Kloster Maulbronn alles mögliche, aber sicher nicht geeignet, einem rechten Manifest als Bildschmuck zu dienen. Das mittelalterliche Kloster Maulbronn ist internationalistisch, Ergebnis eines für heutige Maßstäbe chaotischen Planungsverlaufs und – wie alle Zisterzienserklöster – von Anfang an auf Kriegsfuß mit den zisterziensischen Idealen/Ideologien. Ganz nebenbei war es auch ein Ort für die Armen und Schwachen und ein Ort des Asyls.
Vielleicht dient aber das Laienrefektorium nur als Chiffre für die gute, alte Zeit, in der alles besser war? Eine Zeit, in der z.B. im 18. Jahrhundert in Maulbronn arabisch gelernt wurde, um den Kontext der biblischen Schriften besser zu verstehen. Worauf dann ein Maulbronner Pfarrer als erster den Koran aus dem arabischen ins deutsche übersetzte. Oder Theologen, Philosophen, Wissenschaftler und Schriftsteller wie Hermann Gundert, Ferdinand Hochstetter, Eberhard Nestle, Julius Grill oder Hermann Hesse in alle Welt gingen und von dort das kulturelle Wissen wieder zurückbrachten?
Oder ist es eher Hölderlin in der Feldausgabe, die man meint? Der kurze sprachliche Höhenflug im Schützengraben? Unter Weglassung aller literarischer, philosophischer und psychologischer Komplexität?
In meinen Augen ist die Wahl des Laienrefektoriums für das Manifest entweder zufällig oder typischer Ausdruck der Unkenntnis der Fakten. Man will eine großartige deutsche Vergangenheit als Referenzpunkt für die Gegenwart. Dabei ignoriert man die historischen Kontexte sehr weitgehend. Denn wenn man das Baudenkmal in seiner historischen Komplexität ernst nehmen würde, wären viele Punkte des eigenen Manifestes hinfällig.
Unkenntnis oder Ignoranz sind die beiden wesentlichen Faktoren, die bei der politischen Funktionalisierung von Kultur die Feder führen. So auch in diesem Fall. Das ist bedauerlich, nicht nur für das politische Klima in Deutschland, das durch derartige Manifeste ideologisch aufgeheizt wird. Es ist auch bedauerlich für die Kulturdenkmäler, die dadurch missbraucht und auf ein Zerrbild reduziert werden.
Es bleibt zu hoffen, dass dieses Manifest geringen Absatz findet. Ich werde es nicht bestellen.