Der Hölderlin der Woche

Friedrich Hölderlin

Es giebt eine Seite des empirischen Begehrungsvermögens, die Analogie dessen, was Natur heißt, die am auffallendsten ist, wo das notwendige mit der Freiheit, das Bedingte mit dem Unbedingten, das Sinnliche mit dem Heiligen sich zu verbrüdern scheint, eine natürliche Unschuld, man möchte sagen eine Moralität des Instinkts, und die ihm gleichgestimmte Phantasie ist himmlisch.

Es ist ein bloses Glük, so gestimmt zu sein.

aus: Über das Gesetz der Freiheit, 1794

 

Friedrich Hölderlin ist 250! Ein Grund, regelmäßig an das zu erinnern, was ihn berühmt gemacht hat: die Sprache seiner Lyrik und Prosa, mit der er wie wenig andere die Grenzen unseres Deutsch ausgelotet und machmal auch überschritten hat.

Aus Anlass des Jubiläums hätten zahlreiche Veranstaltungen stattgefunden, die auf www.hoelderlin2020.de zu finden sind. Einige davon hätten es auch nach Maulbronn geschafft. Dank Corona hoffen wir auf das nächste Jahr und verweisen für die nächsten Monate auf: DAS WERK.

 

 

Archiv

... Es nehmet aber
Und gibt Gedächtnis die See,
Und die Lieb auch heftet fleißig die Augen,
Was bleibet aber, stiften die Dichter.

Andenken, 1803

 

Pros eauton (für sich selbst)

Lern im Leben die Kunst, im Kunstwerk lerne das Leben,

Siehst du das eine recht, siehst du das andere auch.

Distichon, 1799

 

Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch' und Sporn

   Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,

      Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid

         Tatenarm und gedankenvoll.

An die Deutschen, 1797/98

 

 

Eins zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.

Glaube kann nie geboten werden, so wenig als Liebe. Er muß freiwillig und aus eigenem Triebe sein.

Hyperion, 1797/99

 

 

Mich verlangt ins ferne Land hinüber

Nach Alcäus und Anakreon,

Und ich schlief' im engen Hause lieber,

Bei den Heiligen in Marathon;

aus: Griechenland, Hymne 1792/93

 

Aber die Sonne des Geists, die schönere Welt, ist hinunter

    Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nur.

aus: Diotima, 1798

 

Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen seyn? ...

Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonischem Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, indem sie alle Ideen umfasst, ein ästhetischer Akt ist, und daß Wahrheit und Güte, nur in der Schönheit verschwistert sind – der Philosoph muß eben so viel ästhetische Kraft besizen, als der Dichter, die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsre Buchstaben-Philosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. …

Die Poësie bekömmt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.

Aus dem anonymen und fragmentarischen Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus (1796)von Friedrich Hölderlin, von Georg Friedrich Wilhelm Hegel oder von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, vielleicht gemeinschaftlich.

 

 

Götter wandelten einst bei Menschen, die herrlichen Musen

   Und der Jüngling, Apoll, heilend, begeisternd wie du.

Und du bist mir, wie sie, als hätte der Seligen Einer

   Mich ins Leben gesandt, geh ich, es wandelt das Bild

Meiner Heldin mit mir, wo ich duld und bilde, mit Liebe

   Bis in den Tod, denn dies lernt ich und hab ich von ihr.

Götter wandelten einst..., 1799

 

 

Der Frühling (1809)

Wenn auf Gefilden neues Entzüken keimt

  Und sich die Ansicht wieder verschönt und sich

    An Bergen, wo die Bäume grünen,

      Hellere Lüfte, Gewölke zeigen,

O! welche Freude haben die Menschen! froh

  Gehn an Gestaden Einsame, Ruh und Lust

    Und Wonne der Gesundheit blühet,

      Freundliches Lachen ist auch nicht ferne.

 

 

 

Singt, o singet mir nur, unglükweissagend, ihr Furchtbarn

Schiksaalsgötter das Lied immer und immer ums Ohr

Euer bin ich zulezt, ich weiß es, doch will zuvor ich

Mir gehören und mir Leben erbeuten und Ruhm.

Hört' ich die Warnenden itzt ... (1799)

 

 

 

Lebenslauf (1798)

Hoch auf strebte mein Geist, aber die Liebe zog

Schön ihn nieder; das Laid beugt ihn gewaltiger;

So durchlauf ich des Lebens

Bogen und kehre, woher ich kam.

 

Der Spaziergang (nach 1806)

Ihr Wälder schön an der Seite,

Am grünen Abhang gemalt,

Wo ich umher mich leite,

Durch süße Ruhe bezahlt

Für jeden Stachel im Herzen,

Wenn dunkel mir ist der Sinn,

Den Kunst und Sinnen hat Schmerzen

Gekostet von Anbeginn.

Ihr lieblichen Bilder im Tale,

Zum Beispiel Garten und Baum,

Und dann der Steg, der schmale,

Der Bach zu sehen kaum,

Wie schön aus heiterer Ferne

Glänzt einem das herrliche Bild

Der Landschaft, die ich gerne

Besuch' in Witterung mild.

Die Gottheit freundlich geleitet

Uns erstlich mit Blau,

Hernach mit Wolken bereitet,

Gebildet wölbig und grau,

Mit sengenden Blitzen und Rollen

Des Donners, mit Reiz des Gefilds,

Mit Schönheit, die gequollen

Vom Quell ursprünglichen Bilds.

 

 

Das menschliche Leben (1785)

 

Menschen, Menschen! was ist euer Leben,

Eure Welt, die tränenvolle Welt,

Dieser Schauplaz, kann er Freuden geben,

Wo sich Trauern nicht dazu gesellt?

O! die Schatten, welche euch umschweben,

Die sind euer Freudenleben.

 

Tränen, fließt! o fließet, Mitleidstränen,

Taumel, Reue, Tugend, Spott der Welt,

Wiederkehr zu ihr, ein neues Sehnen,

Banges Seufzen, das die Leiden zählt,

Sind der armen Sterblichen Begleiter,

O, nur allzu wenig heiter! ...

 

 

Ich verspräche gerne diesem Buche die Liebe der Deutschen. Aber ich fürchte, die einen werden es lesen, wie ein Compendium, und um das fabula docet sich zu sehr bekümmern, indeß die andern gar zu leicht es nehmen, und beede Theile verstehen es nicht.

Wer blos an meiner Pflanze riecht, der kennt sie nicht, und wer sie pflükt, blos, um daran zu lernen, kennt sie auch nicht.

Die Auflösung der Dissonanzen in einem gewissen Karakter ist weder für das bloße Nachdenken, noch für die leere Lust.

aus: Hyperion, Vorrede zum ersten Band, 1796/98

 

 

Da ich ein Knabe war,

   Rettet' ein Gott mich oft

      Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

         Da spielt ich sicher und gut

            Mit den Blumen des Hains,

               Und die Lüftchen des Himmels

                  Spielten mit mir.

Da ich ein Knabe war, 1798

 

 

An Zimmern, 1809

Von einem Menschen sag ich, wenn der ist gut

  Und weise, was bedarf er? Ist irgend eins

    Das einer Seele gnüget? ist ein Halm, ist

      Eine gereifteste Reb' auf Erden

 Gewachsen, die ihn nähre? Der Sinn ist deß

  Also. Ein Freund ist oft die Geliebte, viel

    Die Kunst. O Theurer, dir sag ich die Wahrheit.

      Dädalus Geist und des Walds ist deiner.

 

Friedensfeier, 1801

Ich bitte dieses Blatt nur gutmüthig zu lesen. So wird es sicher nicht unfaßlich, noch weniger anstößig seyn. Sollten aber dennoch einige eine solche Sprache zu wenig konventionell finden, so muß ich ihnen gestehen: ich kann nicht anders. An einem schönen Tage läßt sich ja fast jede Sangart hören, und die Natur, wovon es her ist, nimmts auch wieder.

Der Verfasser gedenkt dem Publikum eine ganze Sammlung von dergleichen Blättern vorzulegen, und dieses soll irgend eine Probe seyn davon.

Der himmlischen, still wiederklingenden,

Der ruhigwandelnden Töne voll,

Und gelüftet ist der altgebaute,

Seeliggewohnte Saal; um grüne Teppiche duftet

Die Freudenwolk' und weithinglänzend stehn,

Gereiftester Früchte voll und goldbekränzter Kelche,

Wohlangeordnet, eine prächtige Reihe,

Zur Seite da und dort aufsteigend über dem

Geebneten Boden die Tische.

Denn ferne kommend haben

Hieher, zur Abendstunde,

Sich liebende Gäste beschieden.

 

 

Von der Wahrheit, aus den Pindar-Fragmenten, 1800/1805

Anfängerin großer Tugend, Königin Wahrheit,

Daß du nicht stoßest

Mein Denken an rauhe Lüge.

 

 

Ihre Genesung, 1798

Deine Freundin, Natur! leidet und schläft und du

  Allbelebende, säumst? ach! und ihr heilt sie nicht,

    Mächt'ge Lüfte des Aethers,

      Nicht ihr Quellen des Sonnenlichts?

 

Alle Blumen der Erd', alle die fröhlichen,

  Schönen Früchte des Hains, heitern sie alle nicht

    Dieses Leben, ihr Götter!

      Das ihr selber in Lieb' erzogt? –

 

Ach! schon athmet und tönt heilige Lebenslust

  Ihr im reizenden Wort wieder wie sonst und schon

    Glänzt das Auge des Lieblings

      Freundlichoffen, Natur! dich an.

 

Die Eichbäume, 1797

Aus den Gärten komm' ich zu euch, ihr Söhne des Berges!

Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,

Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.

Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen

In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,

Der euch nährt' und erzog und der Erde, die euch geboren.

Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,

Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel,

Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute,

Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken

Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.

...

 

O seelige Natur! Ich weiß nicht, wie mir geschiehet, wenn ich mein Auge erhebe vor deiner Schöne, aber alle Lust des Himmels ist in den Thränen, die ich weine vor dir, der Geliebte vor der Geliebten.

Mein ganzes Wesen verstummt und lauscht, wenn die zarte Welle der Luft mir um die Brust spielt. Verloren in's weite Blau, blik' ich oft hinauf an den Aether und hinein in's heilige Meer, und mir ist, als öffnet' ein verwandter Geist mir die Arme, als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf in's Leben der Gottheit.

Eines zu seyn mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.

aus: Hyperion, 1. Band, 1. Buch, 1798

 

 

 

    … der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.

Jezt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,

    Sieh! und das Ebenbild unserer Erde, der Mond,

Kommet geheim nun auch, die schwärmerische, die Nacht kommt,

    Voll mit Sternen, und wol wenig bekümmert um uns

Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen

    Über Gebirganhöhn traurig und prächtig herauf.

aus: Die Nacht, 1803

 

 

Wenn ich fern auf nakter Haide wallte,

Wo aus dämmernder Geklüfte Schoos

Der Titanensang der Ströme schallte

Und die Nacht der Wolken mich umschloß,

Wenn der Sturm mit seinen Wetterwoogen

Mir vorüber durch die Berge fuhr

Und des Himmels Flammen mich umflogen,

Da erschienst du, Seele der Natur!

 

Oft verlor ich da mit trunknen Thränen

Liebend, wie nach langer Irre sich

In den Ozean die Ströme sehnen,

Schöne Welt! in deiner Fülle mich;

Ach! da stürzt' ich mit den Wesen allen

Freudig aus der Einsamkeit der Zeit,

Wie ein Pilger in des Vaters Hallen,

In die Arme der Unendlichkeit. –

aus: An die Natur, 1795

 

Glückselig Suevien, meine Mutter!

Auch du, der glänzenderen, der Schwester

Lombarda drüben gleich,

Von hundert Bächen durchfloßen!

Und Bäume genug, weisblühend und rötlich,

Und dunklere, wild, tiefgrünenden Laubs voll,

Und Alpengebirg der Schweiz auch überschattet

Benachbartes, dich; denn nah dem Heerde des Hauses

Wohnst du, und hörst, wie drinnen

Aus silbernen Opferschalen

Der Quell rauscht, ausgeschüttet

Von reinen Händen, wenn berührt

 

Von warmen Stralen

Kristallenes Eis, und umgestürzt

Vom leichtanregenden Lichte

Der schneeige Gipfel übergießt die Erde

Mit reinestem Wasser. Darum ist

Dir angeboren die Treue. Schwer verläßt

Was nahe dem Ursprung wohnet, den Ort.

Und deine Kinder, die Städte,

Am weithin dämmernden See,

An Neckars Weiden, am Rheine,

Sie alle meinen, es wäre

Sonst nirgend besser zu wohnen.

...

aus: Die Wanderung, 1803

 

 

Du gute Stella! wähnest du mich beglükt,

  Wann ich im Thale still und verlassen, und

    Von dir vergessen wandle, wann in

      Flüchtigen Freuden dein Leben hinhüpft?

 

Schon oft, wenn meine Brüder, die Glükliche

  So harmlos schliefen, blikt ich hinauf, und fragt

    Im Geiste, ob ich glüklich seie –

      Bin ich ein glüklicher Jüngling, Stella?

Aus: An Stella, 1786

 

Des Morgens, 1799

Vom Thaue glänzt der Rasen; beweglicher

    Eilt schon die wache Quelle; die Buche neigt

        Ihr schwankes Haupt und im Geblätter

            Rauscht es und schimmert; und um die grauen

 

Gewölke streifen röthliche Flammen dort,

    Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;

        Wie Fluthen am Gestade, woogen

            Höher und höher die Wandelbaren. ...

 

Geh unter, schöne Sonne..., 1800

Geh unter, schöne Sonne, sie achteten

     Nur wenig dein, sie kannten dich, Heilge, nicht,

         Denn mühelos und stille bist du

             Über den mühsamen aufgegangen.

...